Viviane Chassot

„Ein Konzert ist immer Resonanz“

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28. September 2026

Lesezeit: 4 Minute(n)

Die Schweizer Akkordeonistin und Komponistin Viviane Chassot berichtet im schriftlichen Interview über ihre musikalische Heimat, erklärt, welche Klassiker sie noch bearbeiten will und warum sie „der atmende Kasten mit den vielen Knöpfen“ so begeistert.

Interview und Text: Wolfgang Weitzdörfer; Fotos: Marco Borggreve

  • Frau Chassot, wie sehr hat Sie die Schweiz geprägt?

Ich bin in der Schweiz aufgewachsen, in Zürich geboren, aufgewachsen in Wollerau, am Zürichsee. Musik war von Beginn an ein selbstverständlicher Teil meines Lebens. Es gab immer Klänge, Instrumente, Neugier – Musik unterschiedlichster Genres ertönte über die großen Lautsprecherboxen zu Hause. Je mehr die Bässe vibriert haben, desto besser! Mit sechs Jahren habe ich begonnen klassisches Ballett zu tanzen und war auch dadurch mit klassischer Musik sehr vertraut. Zürich hat mich geprägt, aber meine musikalische Identität ist letztlich eher aus einer inneren Suche entstanden als aus einem Ort.

„Man muss den Kern der Musik verstehen und gleichzeitig neue Wege finden, diese auf dem Akkordeon hörbar zu machen.“

  • Und wie ist das Akkordeon in Ihr Leben getreten?

Das Akkordeon trat schon früh in mein Leben. Jedes Jahr zu Weihnachten holte mein Vater sein diatonisches Örgeli aus dem Kasten und spielte „Marina“, „Capri Fischer“ und den „Schneewalzer“. Auch in meiner Schulklasse war das Instrument gut vertreten. Was mich von Beginn an fasziniert hat, war diese unglaubliche Direktheit und Vielseitigkeit: Es kann atmen, singen, flüstern, explodieren. Das hat mich sofort in Bann gezogen.

  • War es Liebe auf den ersten Blick?

Vielleicht nicht sofort Liebe – eher eine wachsende Faszination für den atmenden Kasten mit den vielen Knöpfen. Die Musikstile, die ich bisher darauf kannte, gefielen mir nicht so sehr. Erst als ich eines Tages im Radio Bach auf dem Akkordeon hörte war klar – das ist es!

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  • Wann wussten Sie, dass es Ihr Instrument ist?

Das war in dem Moment, als ich gemerkt habe, dass das Instrument weit mehr bietet als Volksmusik – und dass ich mich damit wirklich ausdrücken kann. Dass es nicht nur darum geht, Musik zu spielen, sondern etwas Eigenes zu sagen. In dem Moment wurde klar: Das ist mein Instrument.

      • Wieviel Schweiz steckt in Ihrer Musik?

      Wahrscheinlich mehr als ich denke: Eine gewisse Klarheit, Präzision, vielleicht auch eine gewisse Zurückhaltung. Das sind Eigenschaften, die mich geprägt haben. Gleichzeitig suche ich immer das Offene, das Grenzenlose, da schwingen dann sicherlich italienisches Temperament und Lebensfreude mit.

        „Es geht mir weniger um Stilrichtungen als um Ausdruck, um Präsenz im Moment.“

        • Und wie schweizerisch ist das Akkordeon?

        Das Akkordeon hat natürlich eine starke Volksmusiktradition in der Schweiz. Aber ich sehe es nicht nur als „schweizerisches“ Instrument. Es ist ein globales Instrument mit unendlich vielen Facetten und Wurzeln in der Volksmusik verschiedenster Länder.

        • Wo ist Ihre musikalische Heimat?

        Ich fühle mich dort wohl, wo Musik lebendig ist. Die Grenzen zwischen Klassik und Jazz sind ohnehin fließend. Es geht mir weniger um Stilrichtungen als um Ausdruck, um Präsenz im Moment. Ursprünglich und was meine Ausbildung betrifft komme ich aus der klassischen Richtung.

          • Wie herausfordernd ist es, die großen Klassiker für das Akkordeon zu bearbeiten?

          Sehr herausfordernd, aber unglaublich spannend. Man muss den Kern der Musik verstehen und gleichzeitig neue Wege finden, diese auf dem Akkordeon hörbar zu machen. Es ist ein Balanceakt zwischen Demut vor dem Werk und künstlerischer Freiheit.

          • Bearbeitung, Komposition, Improvisation – was ist Ihre größte Leidenschaft und warum?

          Improvisation hat für mich etwas sehr Unmittelbares. Die Musik entsteht ganz aus dem Moment heraus. Aber auch Bearbeitungen liebe ich, weil sie einen Dialog mit der Vergangenheit ermöglichen. Und Originalwerke fürs Instrument sind ein ganz wichtiger und spannender Aspekt, ich liebe die Zusammenarbeit mit Komponistinnen und Komponisten. Eigentlich brauche ich alle drei Aspekte der Musik – denn sie nähren sich gegenseitig.

            • Welche Komponisten stehen auf Ihrer musikalischen Bucket List ganz weit oben?

            Mich interessieren vor allem Komponisten, deren Musik sich transformieren lässt – die offen genug ist, um neue Perspektiven zuzulassen. Johann Sebastian Bach ist da natürlich zentral, Werke aus dem Barock, der Klassik, Romantik aber auch Musik unserer Zeit in unterschiedlichen Genres reizen mich sehr. Zurzeit widme ich mich dem Konzert op.61 von Ludwig van Beethoven. Im Original für Violine, hat er es selbst für Klavier bearbeitet. Dies zeugt von einer Offenheit hinsichtlich der Besetzung und legitimiert so meine Bearbeitung für Akkordeon, die ich aus diesen beiden Varianten erstellt und am 24. April dieses Jahres im Casino Basel auf CD eingespielt habe.

            • Sie lehren und unterrichten auch – was ist hierbei der besondere Reiz für Sie?

            Es ist mir ein Anliegen, meine Erfahrungen weiterzugeben. Dieser Moment, in dem jemand etwas plötzlich versteht oder fühlt, ist ein ganz besonderer für mich. Unterrichten ist keine Einbahnstraße – ich lerne genauso viel von meinen Studierenden wie sie von mir. Der Austausch hält mich wach und offen.

            • Wie wichtig ist Ihnen das Auftreten bei Konzerten?

            Das ist mir wirklich sehr wichtig. Ein Konzert ist immer Resonanz und Kommunikation – mit dem Publikum, mit dem Raum, mit den Mitmusikern. Präsenz auf der Bühne bedeutet für mich, ganz da zu sein, Geschichten zu erzählen, eine Botschaft zu vermitteln, Musik lebendig werden zu lassen.

              Viviane Chassot

              Marco Borggreve

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